Migrationsprozesse: Ursachen- und Motivforschung

Der vierte Blogbeitrag unseres IfA-Assistenten, Balint Lengyel

[um Definitionsversuche geht es hier] [um Typologisierung geht es hier] [um Mikro- und Makroökonomie geht es hier]

Dem traditionellen Verständnis nach geht es bei der Ursachenforschung um objektive Rahmen- und Umweltbedingungen, während die Motivforschung eher auf individuelle Reflexion abzielt. Anderweitige Beweggründe sind die Beendigung der Sesshaftigkeit, wobei es wichtig ist, zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Migration zu unterscheiden. Während bei der freiwilligen Migration vielfältige Kategorien die Entscheidung über die Auswanderung bestimmen, ist im Falle der unfreiwilligen Migration die Vielfalt an Entscheidungsmöglichkeiten stark eingeschränkt. Allgemein lässt sich festhalten, dass für hochkomplexe Migrationsvorgänge de facto keine monokausalen Ursachen vorhanden sind. Das hohe Ausmaß an Heterogenität erlaubt folglich keine verallgemeinernden Aussagen.

 

Der konventionellen Arbeitsmigration zufolge ist das Erreichen von günstigeren Lebensbedingungen das Ziel, welches historisch der „Fortschrittseuphorie“ während Hochindustrialisierung zugeordnet werden kann. An diese ist auch Robert Ezra Parks Annahme angelehnt, wonach Fortschritt als Zivilisierungsprozess nur durch Migration und die dadurch begünstigte kulturelle Vermischung entstehen kann. Ausgehend von der These, dass Migration in der Regel in sozioökonomisch entwickeltere Gesellschaften erfolgt, unterscheidet W. Petersen zwischen Ursachen innovativer und konservativer Art. Das innovative Motiv ist die Orientierung nach einer gänzlich neuen Lebensform, das konservative zielt hingegen auf die Herstellung von ursprünglichen Zuständen in einem neuen Umfeld ab.

Ein dominantes Element der ökonomisch motivierten Migrationstheorie stellt die Push-Pull-Modellierung dar. Diese geht davon aus, dass Individuen von einem Gebiet weggedrückt werden, während sie von einer anderen Region aufgenommen werden. Einschlägiger Vorteil der Push-Pull-Modelle ist die abstraktere Annäherung an die Materie, wodurch bei diesem Verfahren deutlich weniger Grundannahmen verifiziert werden müssen. Ausgangspunkt ist Ravensteins „Gravitationsgesetzmodell“, welches innerhalb der Migrationsgesetze die zentrale Annahme vertritt, „dass die Migrationshäufigkeit mit der Entfernung eines potentiellen Wanderungsziels abnimmt, weil mit zunehmender Distanz Kosten steigen und die Informationen geringer werden.“ Jedoch sei an dieser Stelle die Relativierung dieser Annahme festgehalten, die sich wegen der abnehmenden Bedeutungen der Determinanten Kosten, Transport, Verkehr und Kommunikation in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollzogen hat.

Push-Pull-Modelle liefern dennoch notwendige Erklärungsansätze zu dem durch Migration hervorgerufenen Ausgleich zwischen dem Angebot an und der Nachfrage nach Arbeitskräften. „Der Fokus liegt hierbei auf dem gewinnmaximierenden Individuum, das sich bei einem Vergleich zweier Länder für das mit dem größten Nettovorteil entscheidet.“ Es ist somit wohl nicht falsch, zu behaupten, dass MigrantInnen ihre Entscheidungen auch nach den Prinzipien des „Homo Oeconomicus“ treffen. Alternative Entscheidungsfaktoren sind Alter, Beruf, familiäre Einbindung, Arbeitslosenrate sowie die Einwanderungspolitik des jeweiligen Ziellandes.

 

Schwächen der Push-Pull-Modellierung manifestieren sich in einem Defizit an soziologischen Perspektiven. Es fehlt gleichsam die notwendige Ausweitung der Kosten-Nutzen-Analyse auf der sozialen Ebene. Abschließend lassen sich Kritikpunkte nach folgendem Schema strukturieren:

 

  1. Die fehlende kontextuelle Einbettung von Faktoren wie Armut oder der Nachfrage an Arbeitskräften. Folglich ist eine lineare, voneinander isolierte Betrachtung sinnfrei, da die einzelnen Faktoren auch intersektional wirken.
  2. Derationalisierung der Entstehungsgeschichte und die Berücksichtigung der individuellen Eigendynamiken, die sich z. B. durch Gruppenzwänge negativ auf die Wahlmöglichkeiten der MigrantInnen auswirken können.
  3. Relativierung der Kosten für die Auswanderung, aufgrund der Optimierung von Automatismen in Form von Gruppenorganisationen.
  4. Berücksichtigung der Selektivität der Migrationsgesetze. Akzeptanz von unterschiedlichen Zuwanderungsmöglichkeiten und individuellen Aufnahmekriterien, die das Individuum nur selten als Entscheidungsträger zulassen. Häufig geschieht eine Kanalisierung je nach Bildungsstand, so dass die Kosten-Nutzen aus staatlicher Sicht abgewogen werden.

Verwendete Literatur:

Oswald, Ingrid: Migrationssoziologie. Konstanz 2007.

Verfasser: Kuti Klára | 2017. 08. 16. 05:12

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