Multikulturelle Gesellschaften: Alternativlösung oder Problem?

Die Reihe unseres IfA-Assistenten, Balint Lengyel geht weiter. Die ersten Beiträge finden Sie hier:

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Im Sammelband „Die fremden Mitbürger: Möglichkeiten und Grenzen der Integration von Ausländern“ skizziert Hartmut Esser alternative Lösungsansätze für gesellschaftliche Konstellationen. Wohlstand und Wachstumsperspektiven haben seiner Auffassung nach als Fassade für einen Prozess gedient, den wirtschaftliche Probleme, allgemeine Unsicherheiten und politische Veränderungen beschleunigt haben. Diesen Prozess umschreibt er als „Auseinandersetzung mit der Daueranwesenheit fremder ethnischer Gruppen“.

Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Grundlegende Schwierigkeiten sind unter anderem durch die negativ belastete Thematik bedingt, die sich aufgrund historischer Vorkommnisse der ersten beiden Weltkriege einstellten. Hinzu kommt die zeitgeschichtlich eher später einzuordnende Auseinandersetzung mit fremdkulturellen Elementen sowie das Fehlen der Bereitschaft, letztere unter dem Aspekt der friedlichen Beständigkeit als eben fremdkulturelle Elemente anzuerkennen. Esser diskutiert „multikulturelle Gesellschaften“ mit voneinander mehr oder weniger autonomen Parzellen, die ihre kulturelle Eigenständigkeit zu sichern versuchen. Diese Beziehungen lassen sich seiner Wahrnehmung nach als Patentlösung für die Bundesrepublik Deutschland darstellen. Hierbei liegt sein Hauptaugenmerk auf Entstehungsbedingungen sowie auf den zu erwartenden Entwicklungen.

Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Ein Kernproblem zeigt sich in der Arbeitsmigration der 1960er Jahre, die ursprünglich als ein kurzfristiger Arbeitsaufenthalt mit einer darauffolgenden Rückkehr gedacht war. Die dadurch bedingten „Ghettoisierungen“, zu verstehen als lediglich partielle Integration von MigrantInnen, wurden angesichts dieser Annahme vernachlässigt. Diesbezüglich schreibt Esser ökonomischen Ursachen eine Bedeutung zu, die von Seiten des Arbeitgebers als Einsparen der Anlernungskosten sowie auf Seiten der Arbeitnehmer durch höheres Gehalt und bessere Lebensbedingungen festgehalten werden können. Daraus resultiere die Segmentierung des Arbeitsmarkts, die zur Folge hatte, das ganze Branchen von Ausländern besetzt wurden, die ihre wirtschaftlichen Eigendynamiken entwickelten, wodurch die Weiterbeschäftigung der Einwanderer unabdingbar wurde.

„Gerade weil die Ausländer den Deutschen ihre Arbeitsplätze nicht wegnahmen, sind sie zu einem Dauerbestandteil der deutschen Gesellschaft geworden. Und gerade deswegen kommen die Lösungen der Rotation oder der massenhaften Rückkehr schon aus ökonomischen Gründen nicht in Frage.“  (Esser, Multikulturelle Gesellschaft als Alternative zu Isolation und Assimilation, S. 25)

Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Die Einsicht dieser Unentbehrlichkeit gibt den entscheidenden Anlass zur Beschäftigung mit der Frage nach der Bewältigung neuer sozialer Phänomene und Ansprüche, die sich primär auf die zweite Generation der Gastarbeiter und der Familienzusammenführung beziehen. Aus dem utilitaristischen Blickwinkel können Ausländer nach Esser als „ökonomische Manövriermasse“ definiert werden. Daran angelehnt überwog in den 1970er Jahren das Konzept der „Integration auf Zeit“, einer geringfügigen Eingliederung, welche die Vorteile der Option der Rückkehr in das Heimatland keineswegs übertreffen sollte. Unsicherheiten und Spannungen, die den vagen Möglichkeiten der Zukunftsplanung unterliegen, dominieren auch alltägliche Entscheidungen über die Ausgestaltung der Lebenswelt, dessen ästhetische Rückständigkeiten bzw. fälschlicherweise als Anpassungsunfähigkeit interpretierte Handlungsmuster im ursprünglichen Sinne rational motivierte Vorgehensweisen sind.

Weitaus problematischer sind die mittel- und langfristigen Folgen der Unsicherheiten, die sich durch eine Kombination von kultureller und struktureller Marginalität begründen. Besonders die zweite Generation ist durch das Leben an der Bruchlinie zweier Kulturen und den schwachen ökonomischen Rahmenbedingungen stark in Mitleidenschaft gezogen. Diese Reproduktionsformen der Ungleichheiten geben Grund zur Annahme, dass das Konzept der „Integration auf Zeit“ keineswegs zeitgenössisch akzeptabel ist.

Esser unterscheidet zwei Stadien: einerseits die vollständige Angleichung als „Assimilation“, andererseits die „Isolation“ als Bedingung zur Herausbildung ethnischer Kolonien. Er stellt fest, dass beiden Konzeptionen keine eindeutige politische Zuordnung zugrunde gelegt werden kann. Am Beispiel der Assimilation führt Esser die Möglichkeit der Doppeldeutung auf. Einerseits kann diese als „Herstellung von Gleichberechtigung unter dem Preis der Aufgabe der kulturellen Eigenständigkeit“ verstanden, andererseits jedoch am Beispiel Deutschlands als „Zwangsgermanisierung“ gedeutet werden. Ähnlich kann die Herausbildung von ethnischen Kolonien interpretiert werden. Sie können als „Lebensräume zur Ausgestaltung eines eigenethnischen Lebens“, aber auch als „Abschieberäume“, als Ghettos angesehen werden.

Probleme von multikulturellen Gesellschaften veranschaulicht Esser anhand von zwei theoretischen Dimensionen über die Verhältnisse zwischen sozialen Gruppen. Auf der einen Seite erörtert er die Fragestellung nach der Ausprägungsform von Spannungen in der Relation. Als spannungsarmen Zusammenhalt definiert er Integration, als Gegenteil Desintegration. Auf der anderen Seite wird das Maß an Angleichung erörtert. Von zentraler Bedeutung ist die Frage nach dem kulturellen, sozialen bzw. strukturellen Grad an Ungleichheiten der jeweiligen ethnischen Gruppen. Diese sollen mit den Begrifflichkeiten Assimilation oder eben Dissimilation festgehalten werden.

Quelle: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

Unter der Annahme, dass beide Dimensionen nur zwei Ausprägungen haben, ergibt sich:

  1. Assimilation und Integration: Zusammenleben mit Aufgabe der ethnischen Eigenständigkeit;
  2. Assimilation ohne Integration: Zusammenleben in Form einer heterogenen Gesellschaftsstruktur;
  3. Dissimilation ohne Integration: Zusammenleben geprägt durch Konflikt und Rivalität zwischen den verschiedenen Ethnien;
  4. Integration ohne Assimilation: Konzept der „multikulturellen Gesellschaft“.

Die vierte Version ist gekennzeichnet durch „eine Gesellschaft, in der verschiedene ethnische, kulturelle und religiöse Gruppen in einem gemeinsamen wirtschaftlichen und politischen Rahmen jeweils ihre Eigenständigkeit behalten und dabei in geregelten und spannungsarmen (Austausch-)Beziehungen zueinander stehen.“ (Esser, Multikulturelle Gesellschaft als Alternative zu Isolation und Assimilation, S. 30)

Diese basieren zumeist auf identische subjektive Überzeugungen, enthalten dadurch jedoch „intern bindende und eine extern abstoßende Komponente“. Diese Form des Zusammenlebens, ohne die Aufgabe von kulturellen Orientierungen und der angestammten Identität, bei einer sich daraus ergebenden Vielfalt, wird bezeichnet Esser jedoch als eine eher utopische Idee einer naiven Gesellschaftsform. Esser argumentiert dies an den Risiken der ethnischen Schichtung. Darunter versteht er die Annahme, dass soziale Ungleichheiten auf die ethnische Zugehörigkeit zurückgeführt werden können. Sie können auch ohne Diskriminierungen oder Vorurteile entstehen, allein die fehlende berufliche Qualifikation ist hierfür schon entscheidend. Daraus abgeleitet lässt sich festhalten, dass multikulturelle Gesellschaften der omnipräsenten Gefahr der Desintegration ausgesetzt sind, die in der Regel durch rechtliche und politische Ungleichheiten verstärkt werden.

Mit dem Begriff der ethnischen Segmentation beschreibt Esser den engen Zusammenschluss der MigrantInnen. Zumeist gestalten sich diese gesellschaftlichen Subsysteme mit eigenen innerethnischen Institutionen als Handlungsrahmen zur Abwicklung sämtlicher Probleme der alltäglichen Lebensgestaltung. Einerseits ist die dadurch begünstigte Herausbildung von Parallelgesellschaften als ein potentiell eintretendes Risiko zu nennen, andererseits können ethnisch dem Herkunftsland ähnliche Subsysteme der Aufnahmegesellschaft zur Entlastung für MigrantInnen behilflich sein.

Esser beschreibt den Erhalt des ethnischen Selbstbewusstseins und die auch durch geringere sprachliche Hürden bedingte aktivere Auseinandersetzung mit der neuen Umgebung. Freilich ist dies auch antithetisch zu erörtern, da so der Zwang der Eingliederung in andere gesellschaftliche Teilbereiche relativiert wird. Eben dies ist nach Esser „eine der wichtigsten Bedingungen für die stabile Existenz einer multikulturellen Gesellschaft: dass alle Gruppen bei aller Eigenständigkeit jederzeit im Prinzip für die Begegnung mit den anderen Gruppen offen sind und sich auch in gewisser Weise aneinander anpassen.“ (Esser, Integration und ethnische Schichtung, S. 25-26.)

Verwendete Literatur:

Esser, Hartmut: Aspekte der Wanderungssoziologie. Assimilation und Integration von Wanderern, ethnischen Gruppen und Minderheiten. Eine handlungstheoretische Analyse. Darmstadt 1980.

Esser, Hartmut: Multikulturelle Gesellschaft als Alternative zu Isolation und Assimilation. In: Die fremden Mitbürger. Möglichkeiten und Grenzen der Integration von Ausländern. Hg. Hartmut Esser. Düsseldorf 1983, S. 25-38.

Esser, Hartmut: Integration und ethnische Schichtung. Mannheim 2001.

Esser, Hartmut: Soziologische Anstöße. Frankfurt am Main 2004.

Verfasser: Kuti Klára | 2017. 08. 22. 07:44

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