Typologisierung von Migrationsprozessen

Der nächste Blogbeitrag unseres IfA-Assistenten, Balint Lengyel

Ausgehend von der Kategorisierung von Annette Treibel, die als Professorin für Soziologie im Institut für Transdisziplinäre Sozialwissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe tätig ist, lassen sich Migrationsbewegungen wie folgt kategorisieren:

  1. Räumliche Aspekte: Hierbei wird zwischen Binnenmigration und internationaler Migration bzw. kontinentale und transkontinentale Wanderungen differenziert.
  2. Zeitliche Aspekte: Logischerweise ist die Dauer des Aufenthalts der entscheidende Faktor. Handelt es sich bei der Migration um eine zeitlich begrenzte oder um eine dauerhafte Niederlassung?
  3. Entscheidungen/Ursachen: Erfolgte die Auswanderung freiwillig (Arbeitsmigration) oder ist diese unfreiwillig motiviert (Flucht, Vertreibung, Verschleppung)?
  4. Umfang: Die Frage nach der Anzahl der MigrantInnen weist auf Einzelfälle oder auf Gruppen- bzw. Massenmigration hin.

Diese Klassifikation ist in nationale und internationale Rechtsdefinitionen verankert. Jedoch ist eine klare Einteilung nur in seltenen Fällen sinnvoll. Denn: „Wer statistisch als einzelner Zuwanderer erfasst wird, weil er nicht im Familienverband migriert, kann dennoch Teil einer langgezogenen und viele Mitglieder zählenden Migrationskette sein“. Obendrein ist zu bedenken, dass die meisten gegenwärtigen Typen sich an den von E.G. Ravenstein verfassten „Migrationsgesetzen“ orientieren, die für aktuelle „Flüchtlingsdebatten“ unzureichend sind. Sie widerspiegeln eher das Migrationssystem in Großbritannien zu Zeiten der Industrialisierung, als dass sie für eine praktizierbare Alternative zu aktuellen Bewegungen herangezogen werden könnten. Die unfreiwillige Migration in Form von Flüchtlingswellen oder Vertreibungen wird von Ravenstein größtenteils außer Acht gelassen. Für zeitgenössische Migrationsvorgänge ist somit eine ganzheitliche Analyse der komplexen Migrationskonfigurationen zweckgemäß, da dieser soziale Prozess sozioökonomischen und politischen Rahmenbedingungen unterliegt und hinsichtlich seines Entstehungskontextes historisch eingebettet werden muss.

Nach gegenwärtiger Konvention werden Migrationsphänomene in zwei verschiedenen dynamischen Ereignisreihen gegliedert. Das Erstere bezieht sich auf den Etablierungsgrad einer Migrationsbewegung. Dafür ist die Thematisierung der Existenz von ethnischen Gemeinden, wie auch die Frage nach Arbeitsorganisationen unerlässlich. Der zweite Zugang betrachtet das Geschehen aus der Perspektive des Grades an staatlicher Kontrolle. Hierbei ist die Intensität der staatlichen Interventionen von signifikanter Bedeutung.

Teil unserer Ausstellungstafel, Graphik: Kemény Márton János

In der gegenwärtigen „Flüchtlingskrise“ wird auf medialer und politischer Ebene wiederholt von Wirtschaftsmigration und Fluchtmigration gesprochen. Es ist zu bedenken, „dass Flucht keine Sonderkategorie ist, sondern eine weitere Form der Migration, die zudem in Arbeitsmigration übergehen kann: Aus Flüchtlingen beispielsweise können Zuwanderer mit Bleibeabsichten werden, die mit denselben Schwierigkeiten konfrontiert sind wie Arbeitsmigranten“. Ergänzend möchte ich die Kategorisierung von Ingrid Oswald aufzeigen, deren Unterteilung anhand von drei Kriterien erfolgt:

  1. Anlass/Ursachen: Demzufolge liegen die Gründe für Arbeitsmigration in den vielfältigen Strukturen des Arbeitsmarktes, wobei eine empirische bzw. theoretische Analyse unternommen werden kann. Bezüglich der Fluchtmigration werden individuelle Motivlagen aufgrund der Spontanität und Unberechenbarkeit ausgeschlossen. Vielmehr geht es darum, Konflikt- und Präventionsforschung zu betreiben.
  1. Verläufe: Der Migrationsprozess bei der Arbeitsmigration wird meist von privaten Akteuren der freien Wirtschaft (Industrieunternehmen) begünstigt. Die nicht selten mangelhafte staatliche Kontrolle fördert die Entstehung von ethnisch differenzierten Gemeinden mit eigenen Institution, die für Maßnahmen der Eingliederung zuständig sind. Im Gegensatz dazu darf bei der Fluchtmigration getrost von staatlicher Krisenbewältigung gesprochen werden, zu der auch internationale Hilfsorganisationen (NGOs) beitragen.
  1. Aufnahmesituation/Zielbestimmung: Hier muss zwischen Staaten, die sich als „Einwanderungsländer“ verstehen, und Staaten mit strengeren Gesetzen für die Aufnahme von MigrantInnen, differenziert werden. In der Regel sollen Flüchtlinge nur in den Genuss eines temporären Aufenthaltes kommen, hingegen können Asylberechtigte ihr Niederlassungsrecht dauerhaft in Anspruch nehmen. Wesentliche Problemfelder manifestieren sich in der Zahl der „Illegalen“, der nicht registrierten MigrantInnen, und in unzureichenden Möglichkeiten zur Integration.

Quellen: 

Treibel, Annette: Migration in modernen Gesellschaften. Soziale Folgen von Einwanderung, Gastarbeit und Flucht, Weinheim 1999.

Oswald, Ingrid: Migrationssoziologie. Konstanz 2007.

Verfasser: Kuti Klára | 2017. 08. 07. 17:39

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