Migration als Versetzung des Lebensmittelpunkts – eine Definitionsannäherung

Ein Beitrag unseres IfA-Assistenten, Bálint Lengyel

Die Flüchtlingskrise hat Europa im Jahre 2015 als Teil weltumspannender Migrationsprozesse erreicht. Bisher waren rund 55 Millionen Menschen an ihr beteiligt. Wie kaum ein zweiter Konflikt der jüngsten Zeitgeschichte fordert sie die nationalen Einheiten der Weltgesellschaft zur umsichtigen Problembehandlung heraus und stellt ihre internationalen Kooperationen auf eine überaus anstrengende Probe. Sie sorgt landauf, landab für reichlichen Diskussionsstoff im politischen, rechtlichen, sozialökonomischen und kulturellen Leben. Positiven Elementen wie beispielsweise der unverhofft bekräftigten Aufforderung zu einer auch mentalen Offenheit gegenüber Bevölkerungsgruppen anderskulturellen Hintergrunds stehen mitunter negative Erkenntnisse gegenüber wie etwa jene, die sich im Zusammenhang mit der internationalen Schleusungskriminalität aufdrängen. Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union sehen sich in ihren inneren wie äußeren Verhältnissen stark in Mitleidenschaft gezogen, weil der Diskurs um Art und Umfang der Aufnahme von außereuropäischen Flüchtlingen immer wieder den Rahmen sachlich abgewogener Erörterungen verlässt und allzu häufig Kräfte radikal abweisender Lösungen auf den Plan ruft. Das Problem ist allerdings älter als die gegenwärtige Flüchtlingskrise. Es wurzelt in den Migrationswellen der 1960er Jahre, die früh sozialwissenschaftliches Interesse geweckt haben und im späteren Verlauf insbesondere deutschsprachige Vertreter der europäischen Soziologie zu umfangreichen Analysen theoretischer und empirischer Ausrichtung veranlassten.

Migrationsbewegungen werden häufig durch verschiedene theoretische Zugängen erklärt. Es sei vorab festgehalten, dass es keine universell gültige Definition mit einheitlichen Begrifflichkeiten gibt. Migration kann durch einen Ortswechsel oder durch die Veränderung des sozialen Beziehungsgeflechts beschrieben werden. Zusammenfassend bedeutet dies, dass Migration ein Prozess der räumlichen Versetzung des Lebensmittelpunkts – inklusive aller Lebensbereiche – ist.

Die Unterteilung der Elemente eines Lebensmittelpunkts erfolgt in fünf Kategorien: nach der (veränderten) geographischen Einordnung der Wohnsituation, dem Familienstand, dem Erwerbsstatus und dem sozialen Netzwerk von kulturellen und politischen Orientierungen, welche die Sprachkompetenz sowie die Religionszugehörigkeit mit einschließen.  Der Untersuchungsgegenstand soll folglich ausdifferenziert, hinsichtlich der Dynamiken der verschiedenen „Milieus“ der Lebenswelt betrachtet werden. Abweichungen bezüglich der unterschiedlichen Sozialstrukturen der Lebensformen von Eingesessenen und von Zuwanderern sind in eine Ursache für aufkeimendes Konfliktpotential.

Ethnisch homogene und gemischte Gebiete in Zwischen-Europa nach dem Ersten Weltkrieg. Aus der Kartensammlung „Zwischen-Europa“ von Pándi, Lajos und Bárdi, Nándor. Digitalisat: Kemény, Márton János

[Original der Karte: Pándi Lajos – Bárdi Nándor Köztes-Európa, Térképgyűjtemény.]

 

Ferner ist es wichtig, die Binnenmigration, von der die Rede ist, wenn der Wohnortswechsel innerhalb der Staatsgrenzen erfolgt, und der internationalen Migration, die im Falle einer Überschreitung der Landesgrenzen stattfindet, zu unterscheiden. Andere Interpretationen vernachlässigen die Raum- und Zeitkomponenten. So ist die Transformation der sozialen Beziehungen Gegenstand der Studie „»Etablierte und Außenseiter«  Migration als Wechsel der Gruppenzugehörigkeit“ von N. Elias und J. Scotson. In dieser Perspektive ist Migration mehr als die Summe der Bewegungen im Raum, sie ist vielmehr eine soziale Situation mit einer komplexen Struktur, die durch das Aufeinandertreffen der Zuwanderer auf Etablierte generiert wird. Die Studie thematisiert „die latenten und offenen Ängste vor Verdrängung und Konkurrenz, die in allen möglichen Einwänden gegen die Neuzuzügler ausgedrückt werden.“

Installation in der Dauerausstellung, Foto: Varga Edit

Abschließend sei angemerkt, dass die alltagsrelevante Bedeutung des Lebensmittelpunkts nicht zwangsläufig kongruent mit dem Ort des Hauptwohnsitzes ist. Der Lebensmittelpunkt ist jedoch ein Raum für die Schnittpunkte aller persönlichen sozialen Beziehungen und somit als Untersuchungsgegenstand für Migrationsprozesse von zentraler Bedeutung.

Verwendete Literatur: Oswald, Ingrid: Migrationssoziologie. Konstanz 2007.

 

 

Verfasser: Kuti Klára | 2017. 07. 25. 17:30

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